Foto: niezwyciezony (soerenheuer / Flickr, CC BY 2.0)

Nur Facebook-Freunde sind wahre Freunde!

„Da hat der Franky über eintausend Facebook-Freunde – wer soll das denn glauben?“, „Die kennt der doch nie im Leben alle“ und „Was nimmt der eigentlich und wo bekommen wir das?“ habe ich schon öfters im Freundeskreis gehört. Ich behaupte das ich mindestens 95% persönlich kenne. Trotzdem: so viele? Macht Facebook unsere Freundschaften oberflächlicher? Oder ist das alles gar nicht so schlimm?

Diese und andere Fragen versucht mein folgender Artikel (übrigens mein erster über ein normales Thema) zu beantworten.

Foto: niezwyciezony (soerenheuer / Flickr, CC BY 2.0)

Die Kritiker behaupten das Internet, mitunter Facebook und MySpace (bald wieder), zerstöre die wahren Freundschaften. Perssimisten fragen anklagend „Macht uns das Internet einsam?“.
Doch in Wirklichkeit sind das Internet und seine seit heute eine Milliarde Menschen große Nation von Freunden namens Facebook nicht das Ende der Freundschaft – sondern eine Bereicherung.

Mag sein, dass manch virtueller Austausch („Tolles Foto!“ / „Danke, hat Jan in Kroatien gemacht.“ / Jan gefällt das.) auf den ersten Blick geistlos erscheint – aber ist diese angebliche Oberflächlichkeit wirklich so schlimm? Oder ist es gerade das – mal unverbindlich und schnell, ein anderes Mal jedoch intensiv und direkt zu kommunizieren – was Facebook und Co. so unheimlich anziehend macht?

Wir sollten uns mal folgendes Beispiel durch den Kopf gehen lassen: Da ist die berufstätige Mutter, der noch weniger Zeit bleibt, seit dem sie mit einem Studium nebenbei angefangen hat. Abends, wenn die Kinder in der Kiste liegen, schafft sie es zwar nicht mehr mit ihren alten Freundinnen auszugehen – aber ein paar Zeilen, Fotos und Neuigkeiten online auszutauschen, das geht leichter und nimmt das schlechte Gewissen, sich gar nicht mehr zu melden.
Oder die alten Freunde, mit denen man vor Jahren noch gemeinsam eine Schulbank gedrückt hat und die nun in verschiedenen Städten wohnen und sich nur noch alle paar Jahre treffen. Wenn mal ein Treffen zustande kommt, müssen sie nicht mehr die erste Hälfte des Gesprächs mühsam damit verbringen, sich auf den neuesten Stand zu bringen, sondern sind über das Leben des anderen durch Facebook-Postings so auf dem Laufenden, als würden sie sich viel öfter treffen. Und kommen so oft schneller zu den tatsächlich relevanten, persönlichen Themen.

Ich finde diesen Streit, die Auseinandersetzung zwischen „echter Freundschaft“ und der in Mode gekommenen „Internetfreundschaft“ sowieso albern. Wer glaubt, dass seine Mitmenschen ihren besten Freund nicht von einem Online-Profil unterscheiden können, ist so naiv, wie er selbst es diesen Mitmenschen unterstellt.
Jedem ist klar, dass die Tatsache, ob man jemanden um Hilfe bitten würde oder im Krankenhaus besucht, nicht im geringsten davon abhängt, ob man auf Facebook befreundet ist oder nicht.
Die ganze angebliche Verwirrung um den Freundesbegriff, die durch die sozialen Netzwerke entstanden ist, ist imho sowieso nur eine scheinbare: „Freund“ konnte schon immer viel bedeuten – vom Kindergartenfreund, den man seit Ewigkeiten kennt, aber mit dem man nicht mehr allzu viel zu tun hat, über den besten Freund, den man vielleicht noch gar nicht so lang kennt, aber dafür sehr gut, bis zu dem Kollegen, der eben mehr ist als nur das, weil man auch privat gerne Zeit miteinander verbringt. „Ganz früher“ war Freundschaft sowieso noch etwas anderes, aber das ist ja ein ganz anderes Thema..

Schon immer gab es neben den guten, dicken, engen Freunden auch eine große Gruppe von Freunden, die man schätzt, mit denen man aber nicht zu jeder Zeit ein stundenlanges Gespräch führen möchte. Die man früher vielleicht mal einmal im Jahr auf einer Weihnachtsparty im Nachbarort (für alle Ennigerloher die gerade mitlesen: ja, ich meine die Ostenfelder Weihnachtsparty – das ist für mich genau so etwas) getroffen hat.

Doch wir leben nicht mehr in den 80ern oder 90ern, die Welt ist einfach mehr in Bewegung und gerade durch das Internet wird es einfacher in Kontakt zu bleiben: Denn durch jeden Umzug, jeden Jobwechsel, jede Party kommen neue Gesichter hinzu – die alten bleiben jedoch erhalten. Da frage ich mich dann bei vielen nicht „Treffe ich meine Freunde real oder virtuell?“ sondern eher „Treffe ich meine Freunde virtuell oder gar nicht?“. Deswegen ist aber eine Facebook-Session einem gemeinsamen Abend mit Freunden bei einem Bier (wir haben da früher immer „Meeting“ zu gesagt), einem Kegelabend oder einem Abendessen nicht vorzuziehen.
So. Und deswegen ist es bestimmt keine schlechte Idee sich beim abendlichen TV-Programm noch von einer Facebook-Gruppenunterhaltung nebenbei berieseln zu lassen – oder anders ist es keine schlechte Alternative.

Das Vorurteil, Menschen mit einem großen virtuellen Freundeskreis seien Freaks die sich im Reallife nicht zurecht finden würden, die im „echten Leben“ einfach keine Chance hätten, stimmt doppelt nicht:
Zum einen – so zeigen es (Online-) Studien – sind Menschen, die online aufgeschlossen sind und viele Kontakte haben, haben auch in der Realität einen größeren Freundeskreis.
Zum anderen weil selbst die im Internet geschlossenen Freundschaften sehr oft irgendwann in die Realität übertragen werden: wer sich online über gemeinsame Interessen kennenlernt will sich meist auch irgendwann Face2Face gegenübertreten. Sehr oft – so zumindest meine Erfahrung – stellt man dann fest, dass die andere Person in echt genauso lustig, klug oder interessant ist wie in der letzten Facebook-Unterhaltung.

Schlusssatz? Ganz ehrlich? Ich habe gerade keinen parat, der das hier so richtig abrunden könnte. Nur einen Tipp: Schaut mal eure Freundesliste durch zu wem ihr lange keinen Kontakt mehr hattet. Und fragt euch danach, warum das wohl so ist. Eine Antwort werdet ihr wohl in den meisten Fällen nicht finden..

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3 Kommentare

  1. Guter Artikel, wie ich finde! Obwohl man sich auch die Frage stellen sollte: Weshalb denken viele Menschen so schlecht über den „virtuellen“ Freundeskreis? Es liegt denke ich ganz klar auf der Hand: Menschen mit geringerer Medienkompetenz verarbeiten die Interaktionen im Internet ganz anders und empfinden Kommunikation mit anderen während der Zeit auf zum Beispiel Facebook nicht als, „Hilfsmittel, damit Kontakte nicht komplett abbrechen“, sondern nehmen vieles viel zu persönlich und denken dann gleich, dass es entweder nur Facebook oder das reale Leben gäbe.

    Gerade bei den Medienkritikern ist Schwarz-Weiß-Malerei sehr gerne gesehen und sie benutzen diese für ihre Argumentation, um digitale Medien negativ zu behaften. Natürlich wäre es nicht gut, 24/7 zuhause vor dem eigenen PC zu hocken und nur so mit anderen zu kommunizieren. Genau das ist ja das ideale Bild der Kritiker. Doch seien wir mal ehrlich: Jeder, der Facebook verwendet, schreibt irgendwann mal zu irgendwem „Hey, hast du heute Zeit?“ und Facebook als „Verabredungswerkzeug“ zu nutzen ist doch schon eine gute Daseinsberechtigung des Netzwerkes.

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  2. Sehr schöner Artikel, da sieht man mal das du auch anders kannst 😉 Aber du brauchtest ziemlich lange um auf den Punkt zu kommen finde ich 😛 Macht aber nichts. Weiter so!

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  3. Der ganze Social-Media wird meiner bescheidenen Meinung nach völlig überbewertet.

    „Normale“ Jugendliche ab 20-25 (ausser Studenten mit Zeit) sowie erwachsenen Personen (mit entsprechendem Leben) können es sich von der Zeit überhaupt nicht mehr leisten stundenlang im Netz rumzuhängen…

    Ich weiß nicht wer diesen Hype ausgerufen hat aber real was mit der Wirklichkeit hat das wohl eher weniger zu tun.

    E-Mail ist heute viel „normaler“ durch alle Altersklassen und Schichten.

    Ich kenne von meinen reichlichen Freunden und Bekannten nur 2-3 die sich via Facebook registriert haben. Und das auch wohl nur wegen des Jobs – weil das wohl alle machen. Aktiv sind die aber da auch nicht. Die bekommen nur die Mails von dort weitergeleitet.

    Ich persönlich hab das nicht vor.
    Ich bin schon froh wenn ich alle beruflichen und privaten Mail am Tag abwickeln kann. Ich brauche nicht noch irgendwelche Chats…

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